Zeichenverdichtung

"Wolf mit Pflanzenschlange", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

Über 100 „Brustzeichnungen“ auf Transparentpapier sind 1999 entstanden. Anläßlich der Ausstellung Brust Lust Frust -Künstlerinnen gegen Brustkrebs- wurden sie im Frauenmuseum Bonn gezeigt. Die Ausstellung wanderte an verschiedene Orte, und einige Bundesländer zeigten sie aus Anlaß der Einführung des Mammographie-Screenings. Der Titel Brust-Lust-Frust meint aber nicht nur die kranke Brust. Der Hamburger Kunstmittler Hajo Schiff sagt dazu in seiner Eröffnungsrede zu „rundRund“ 2002 im Einstellungsraum Hamburg: „Irmgard Gottschlich geht es eher um gesunde Ganzheit und die Störung solcher runden Harmonie“. Die Zeichnungen wurden, wie auch im Jahr 2000 in der Galerie des VbK Thüringen in Erfurt, ungerahmt „direkt an der Fensterscheibe befestigt und werden im Gegenlicht betrachtet, gleich, ob tagsüber von innen nach außen oder abends von außen nach innen. Damit reproduzieren sie eine Schnittstelle zwischen öffentlich und privat, wie sie auch beispielsweise die Situation einer Mammographie darstellt“ (Hajo Schiff 2002)
Fast die Hälfte der „Brustzeichnungen“ sind 2009 überarbeitet worden. Die hinzugefügten Pflanzenformen spiegeln zum einen die künstlerische Beschäftigung mit der Pflanze seit 2007 wider, zum anderen reflektieren die so veränderten Zeichnungen mein Interesse an der noch deutlicheren Betonung der gesunden /runden Ganzheit, die m.E. nur mit der Einsicht, daß der Mensch auf allen Energieebenen mit seinen Mitlebewesen Pflanze und Tier verbunden ist, erreicht werden kann.

"Fruchtsprung", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

Unter dem Suchbegriff „Brust“ findet man im online- Lexicon Wikipedia etliche Bilddateien der weiblichen Brust.Darunter ist mir ein Farbfoto aufgefallen, das die Brust der Frau von vorn gesehen abbildet. Die rechte Brust ist dreimal umrahmt von schwarzen Linien. Der größte Kreis beschreibt die Brust, der nächstkleinere den Warzenhof und der kleinste die Brustwarze. Die runde Form als linienumrahmte Fläche, aber auch das Runde als lebensspendender Körper, sowohl biologisch als auch in seiner erotischen Ausstrahlung, hat mich hauptsächlich interessiert. Der Focus auf die runde Form ermöglicht mir die größte interpretative Reichweite an künstlerischer Ausdrucksmöglichkeit. Vielfältige assoziative Zuordnungen in unterschiedlichste Lebens- und Energiebereiche sind frei gegeben.Einerseits ist der Kreis eine sehr einfache Form, andererseits als Sinnbild für den Menschen ein ideales Ordnungsprinzip. Jeder Punkt auf seiner Kontur ist von seinem Mittelpunkt aus gleich entfernt. Es gibt kein Vor- und kein Hintereinander, kein Anfang und kein Ende. Somit ist der Kreis ein Symbol für Ganzheit, Harmonie, Ausgewogenheit und den Kosmos überhaupt. Diese Symbolkraft der runden Form ist ein wichtiger Aspekt meiner zeichnerischen Arbeit zur weiblichen Brust mit ihren unterschiedlichen individuellen Erscheinungen und Funktionen.Harmonie und Ausgewogenheit ist in unserem Lebenslauf nicht durchgängig. Sie sind auch immer wieder abwesend, unterbrochen. Die dann als Störung wahrgenommene Situation kann Hinweis sein auf notwendigeVeränderung. Erst sie schafft die Voraussetzung für den Prozess eines gesunden Erneuerns.In matrizentrischen Kulturen spiegelt die Vorstellung einer dreifachen Göttin diesen Prozess bildhaft wider. Die jugendliche Göttin ist Symbol für Geburt und somit für Anfang und Werden. Die reife oder Frau-Göttin ist Sinnbild für das Sein, den Lebenszwischenraum zwischen Anfang und Ende. Die Todesgöttin symbolisiert das Vergehen, das nach damaliger kulturell/religiöser Vorstellung wiederum die Grundlage zum Neubeginn in der Wiedergeburt der jugendlichen Göttin bildet.Hier wird Tod, auch im übertragenen Sinn, nicht als Störung einer fragwürdigen Definition von Harmonie angesehen, sondern ist Lebensereignis, das den Beginn zu neuem Wachstum impliziert. Die Zeichnungen sind Variationen dieses Wechsels von Harmonie, ihrer Abwesenheit und ihrer Wiederherstellung. Wie im Prozess des Werdens- Seins- Vergehens in der Natur und im beschriebenen Bild der alten Göttin- Kultur wird über die formale und inhaltliche Gestaltung der Zeichnungen die Störung der runden Harmonie als Teil des Lebensganzen in den natürlichen Kreis(lauf) mit eingebunden. Die übergeordete Betrachtung der weiblichen Brust als das Runde an sich wird in den Zeichnungen auch dadurch visualisiert, daß zu den Brustformen als menschlicher Körperausschnitt Tier- und Pflanzen- und Menschenformen ebenso hinzugefügt werden, wie die von Menschen erfundenen technischen Elemente. Es geht um die ganzheitliche Betrachtung aller Lebewesen in ihrem naturgegebenen Beziehungsgeflecht, bildnerisch transportiert durch das künstlerische Gestalten der weiblichen Brust.

 

"Zitronentanz", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

"K. im Walde", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

"im Blattbett", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

"Aufbruch", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

"Schneckenmist", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010

"Pflanzenschutz", Bleistift, Transparentpapier, 20x29cm, 1999/2010